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Der Krieg von Morgen

Karl-Eduard von Schnitzler antwortet auf Joachim Gauck

Wir Deutsche haben eine unglückselige Veranlagung, uns lieber auf Nebenwegen und in Sackgassen zu bewegen, als der geraden Hauptstraße zu folgen. Wir tun das Falsche gern und mit Begeisterung und haben eine Zähigkeit darin, an der einmal eingeschlagenen falschen Richtung festzuhalten und auf ihr zu beharren. (…) Das kommt daher, daß in uns Deutschen und in unserer Geschichte Dispositionen lebten und leben, die uns für all jene -ismen so besonders empfänglich machen, die einen Mangel an Nachdenken und Kritikvermögen voraussetzen und aus denen unsere ganzen Daseinsverfehlungen erwachsen sind, als da sind: Imperialismus, Pangermanismus, Antisemitismus, Faschismus und Militarismus. (…)

Kriege entstehen von zwei Ebenen her: auf der einen stehen die, die Krieg führen wollen (über sie will ich heute nicht sprechen; ihre Rolle als Kriegstreiber wird zwar von vielen immer noch nicht durchschaut. Nur ein Bruchteil zierte die Anklagebänke der Militärgerichte, im großen und ganzen ist ihre materielle Basis unerschüttert, und manche sitzen schon wieder in Schlüsselstellungen); auf der andere Ebene die, die Krieg führen sollen , ohne die es nun einmal nicht geht: also wir, die Mehrheit. Wir sind noch nie gefragt worden, ob wir Krieg führen wollen – kein Zweifel, daß ein einmütiges »Nein« die Antwort gewesen wäre. Darum hat man uns befohlen, und wir sind diesem Befehl gefolgt. (…)

»Kriege hat es immer gegeben – Kriege wird es immer geben – Kriege sind etwas Naturnotwendiges – wir werden den Krieg nicht aus der Welt schaffen!« Tatsächlich scheint die bisherige Entwicklung dieser selbstmörderischen weitverbreiteten Verzichtbereitschaft, dieser qualvollen Resignation recht zu geben. Noch nach jedem Krieg loderte eine pazifistische Flamme hoch, erfaßte jeden und erkaltete dann wieder, ausgeblasen von den wenigen, die den Krieg wollen. Das »Nie-wieder-Krieg« – taktisch falsch, organisatorisch und politisch unzulänglich vertreten – erstarb nach kurzer Scheinblüte in allen Ländern. Danach ging das Leben weiter. Trotz der Kriege gab es neuen Aufschwung, neue Blüte, neuen Fortschritt.

Diese Epoche jedoch ist nunmehr abgeschlossen. Der moderne Krieg mit Atombomben, Bakterien und anderen Entdeckungen und Erfindungen stellt uns vor eine gänzlich neue Situation. Wenn wir diese Situation wirklich in ihrer ganzen Tragweite erfassen und begreifen, dann bleibt nur die eine Erkenntnis: Die Kette der Kriege muß nun abreißen, wir müssen neu denken lernen. Denn gegen Gewehrkugeln, Bomben, Granaten, Flammenwerfer, Handgranaten und ähnliche »Errungenschaften« der abendländischen Kultur konnte man sich schützen. Aber es gibt in der Wissenschaft keine Verteidigung gegen eine Waffe, die imstande ist, die Zivilisation auszulöschen. (…)

Darum liegt unsere Verteidigung, liegt die Verteidigung der Kultur, der Zivilisation, des Menschen nicht in Rüstungen, noch in der Wissenschaft, sondern allein in Gesetz und Ordnung. Oder – wie der Amerikaner Baruch sagte: Die Atombombe ist ein Problem, das nicht der Physik angehört, sondern der Ethik. (…)

Die Politik des Wettkampfes der Nationen ist zu Ende. Und die Entwicklung verlangt gebieterisch, daß an ihrer Stelle die ergänzende Zusammenarbeit in den Mittelpunkt alles internationalen Denkens gestellt werde. Denn sonst sehen wir dem sicheren Untergang ins Auge.

Es ist unmöglich, daß eine Nation im Chor der Völker immer Recht und eine andere immer nur Unrecht hat. Es ist unmöglich, daß der Lebensstandard einer Nation bestimmt wird, festgesetzt wird, anstatt daß er dem Können und den Leistungen entspricht (ich meine jetzt – wohlgemerkt – nicht Deutschland, sondern allgemein die Abhängigkeit kleiner und mittlerer Nationen von Weltmächten). (…)

Krieg ist kein deutsches Problem mehr. Er wird kommen – trotz Demontagen und Produktionsbeschränkungen –, wenn wir Menschen aller Sprachen nicht neu denken lernen. Und er, der Krieg, wird sterben. Wir Menschen aber werden aus unserer bisherigen Daseinsverfehlung auferstehen, wenn wir erkennen, daß die Welt, unsere Welt, weiter fortgeschritten ist als wir selbst, daß unser Denken längst nicht mehr dem Entwicklungsstand dieser unserer Welt entspricht – und wenn wir danach handeln. (…)


 

Rundfunkmanuskript vom 8. Mai 1947. Dieser Text erschien am 11. Januar 2003 in der jungen Welt und wurde redaktionell gekürzt.

Quelle: http://news.dkp.de/2014/08/karl-eduard-von-schnitzler-1947-der-krieg-von-morgen/

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