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Die Welt am Abgrund

WWF stellt neuen „Living Planet Report“ vor

Die Art und Weise, wie wir leben und produzieren, ruiniert unseren Planeten. Karl Marx stellte dies seinerzeit in ähnlicher Weise fest, als er schrieb, im Kapitalismus würden die Springquellen des Reichtums – Mensch und Natur – untergraben. Doch wahrscheinlich erahnte er nur im Ansatz, welches Ausmaß die Zerstörung der Natur einmal annehmen wird. Kürzlich hat der World Wide Fund For Nature (WWF) seinen „Living Planet Report 2014“ vorgestellt, der erneut vor Augen führt, wie stark wir unsere Lebensgrundlagen bisher zerstört haben.

Der WWF-Report will den Gesundheitszustand der Erde dokumentieren und er warnt uns: „Wir riskieren nicht nur, in einer Welt ohne Tiger, Elefant und Gorilla zu leben. Wir entziehen uns und unseren Kindern die Lebensgrundlagen in atemberaubender Geschwindigkeit.“ Die Lage sei ernst, es helfe weder die Lage schön zu reden, noch den Kopf in den Sand zu stecken. Mit dem Report will der WWF auch Lösungen vorschlagen, die beim Aufbau einer nachhaltigen Welt als Leitlinien dienen können.

Seit mehr als 40 Jahren, heißt es im WWF-Report, würden die Menschen mehr natürliche Ressourcen nutzen als die Erde erneuern kann. Heute seien wir an einem Punkt angelangt, an dem wir 1,5 Erden bräuchten, um unseren Ressourcenhunger zu stillen.

Um diese Aussage anschaulicher darzustellen, argumentiert der WWF mit dem Begriff des Ökologischen Fußabdrucks. Alles menschliche Wirtschaften und Handeln brauche Fläche und der Ökologische Fußabdruck sei die Summe all dieser Flächen, unabhängig davon, wo diese sich befinden. Es sind die Flächen, die wir brauchen, um Ressourcen bereitzustellen: Ackerland, Weideland, bebaute Flächen, Fischgründe und produktive Wälder. Aber auch die Waldflächen werden hinzugezählt, die für die Aufnahme des Kohlendioxids notwendig wären, das nicht von den Ozeanen aufgenommen wird.

Dem Ökologischen Fußabdruck steht der Begriff der Biokapazität gegenüber. Dieser gibt das Vermögen der Natur wieder, nutzbare Ressourcen hervorzubringen, Land für bebaute Flächen und zur Aufnahme von Abfällen und Reststoffen wie etwa Kohlendioxid, bereitzustellen.

Sowohl der Ökologische Fußabdruck als auch die Biokapazität werden in der Einheit „globaler Hektar“ (gha) angegeben. Er entspricht einem Hektar Land mit weltweit durchschnittlicher Produktivität.

So betrug im Jahr 2010 der globale Ökologische Fußabdruck 18,1 Milliarden globale Hektar oder 2,6 gha pro Kopf. Dem stand die Biokapazität der Erde von 12 Milliarden gha oder 1,7 gha pro Kopf gegenüber.

Seit 50 Jahren, heißt es im Report, dominiere vor allem eine Komponente den Ökologischen Fußabdruck: Kohlendioxid, das entsteht, wenn fossile Energieträger verbrannt werden. Machte es 1961 nur etwa 36 Prozent vom Fußabdruck aus, stieg sein Anteil bis zum Jahr 2010 auf 53 Prozent. Im gleichen Zeitraum konnte zwar die Biokapazität vor allem in der Landwirtschaft gesteigert werden (von 9,9 Mrd. gha in 1961 auf 12 Mrd. gha in 2010), aber zur gleichen Zeit stieg die Weltbevölkerung von 3,1 Mrd. auf 7 Milliarden Menschen an. Damit sank die pro Kopf verfügbare Biokapazität von 3,2 auf 1,7 gha, während der Ökologische Fußabdruck auf 2,7 gha stieg. Es wird prognostiziert, dass die Weltbevölkerung weiter ansteigen wird, was die pro Kopf verfügbaren Ressourcen noch knapper werden lässt. Im Jahr 2050 sollen bereits 9,6 Milliarden Menschen den Erdball bewohnen, im Jahr 2100 sollen es dann schon 10,9 Milliarden sein.

Mit dem Begriff des Ökologischen Fußabdrucks ist es nicht nur möglich, Fehlentwicklungen im globalen Maßstab sichtbar zu machen. Es lassen sich Unterschiede zwischen einzelnen Ländern, sogar zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen oder –schichten in einem Land sichtbar machen. Der WWF unterlässt es in seinem Report natürlich, aufzuzeigen, welche Gruppen und Schichten in einem Land mehr Ressourcen verbrauchen als andere. Aber auch der Vergleich des Verbrauchs einzelner Länder ist interessant.

So lag im Jahr 2010 der Ökologische Fußabdruck Deutschlands bei 4,56 gha pro Kopf und ihm stand eine Biokapazität von 1,9 gha pro Kopf gegenüber. Anders ausgedrückt: Würden alle Menschen so leben wie wir Deutsche, wären 2,6 Erden notwendig, um die verbrauchten Ressourcen bereitzustellen. Weil die Biokapazität Deutschlands nicht ausreicht, um den Verbrauch zu decken, nimmt Deutschland Flächen anderer Länder in Anspruch. So werden z.B. allein in Südamerika auf 2,2 Millionen Hektar Fläche Sojabohnen für die deutsche Fleischproduktion angebaut. In den Jahren 2001 bis 2010 importierte der deutsche Agrarhandel jährlich Produkte von bis zu sieben Millionen Hektar Land aus Ländern außerhalb der Europäischen Union.

Ähnlich sieht es mit anderen Ländern aus. Unter den 25 Ländern mit dem größten Ökologischen Fußabdruck pro Einwohner zählen vor allem die reichen Länder. Würden alle Menschen so leben wie die in Katar, bräuchten wir 4,8 Erden. Hätten alle den Lebensstil wie die Menschen in den USA, bräuchten wir 3,9 Erden, im Fall Belgiens wären es 4,2 Planeten.

Der Ökologische Fußabdruck pro Kopf der Länder mit mittleren Einkommen wächst langsam, aber stetig. Zu dieser Gruppe zählen bevölkerungsreiche Länder wie China, Indien, Brasilien und Indonesien. In ihnen nimmt die Belastung der Ökosysteme besonders dramatisch zu. In den Ländern mit niedrigen Einkommen hat sich der Ökologische Fußabdruck pro Kopf nur wenig verändert. Dramatisch ist allerdings auch hier, dass sich die Zahl ihrer Einwohner bis 2010 verdreifacht hat.

Der verschwenderische Lebensstil der reichen Länder, der von den oberen Schichten der Schwellen- und Entwicklungsländern nachgeahmt wird, hat zu ökologischen Problemen geführt, die gar nicht oder nur schwer behoben werden können.

Inzwischen gebe es, so der WWF-Report, eine Vielzahl seriöser Informationen, wie stark Ökosysteme und die Erde als Ganzes belastet sind. Als besonders aussagekräftig habe sich das Konzept der Belastungsgrenzen gezeigt. In diesem werden eine Reihe globaler biophysikalischer Prozesse ausgemacht, welche die derzeitige Stabilität der Erde beeinflussen. Für jeden dieser Prozesse werden Grenzwerte der Belastung definiert, die, wenn sie überschritten werden, Risiken oder Schäden wahrscheinlich werden lassen.

Drei dieser Belastungsgrenzen seien bereits überschritten: bei dem Verlust der Artenvielfalt, dem Klimawandel und bei dem Stickstoffkreislauf. Der Säuregehalt der Meere sei ebenfalls schon so weit gestiegen, dass die Belastungsgrenze der Ozeane bald überschritten sein könnte. Der Anstieg des Kohlendioxidgehaltes der Atmosphäre trägt zur rapide steigenden Versauerung der Meere bei. Die aktuelle Versauerungsrate sei die höchste  in den vergangenen 65 Millionen Jahren, möglicherweise sogar in den vergangenen 300 Millionen Jahre.

Die Vielfalt der Arten ist in dem Zeitraum seit 1970 um die Hälfte geschrumpft. Mit anderen Worten heißt das, im Durchschnitt ist die Hälfte der weltweit untersuchten Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische in den letzten 40 Jahren verschwunden. Sie sind hauptsächlich verschwunden, weil ihr angestammter Lebensraum zerstört wurde, durch Wilderei oder durch Übernutzung der Fischbestände. In Zukunft wird es aber der Klimawandel sein, so der WWF-Report, der zu einem Rückgang der Arten führen wird. Sie können sich nicht schnell genug an die sich verändernden Lebensbedingungen anpassen.

Wie beim Ökologischen Fußabdruck lassen sich hier Unterschiede zwischen den reichen und den armen Ländern zeigen. Haben reiche Länder wie Deutschland schon vor 1970 eine Vielzahl von Arten verloren, konnten sie in der Zwischenzeit dem Verlust der Artenvielfalt entschiedener entgegentreten als arme Länder. So erklärt sich, dass sich die Bestände der bedrohten Arten durchaus etwas erholen konnten. Anders dagegen bei den Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie konnten dem Artensterben kaum entschlossen entgegentreten. In den Entwicklungsländern ist deshalb auch ein Rückgang der Artenvielfalt um 58 Prozent zu verzeichnen. Das liegt aber u.a. auch daran, dass die reichen Länder die Folgen ihres verschwenderischen Lebensstils in arme Länder ausgelagert haben.

Der Klimawandel ist kaum noch aufzuhalten. Im Mai letzten Jahres wurde bei der ältesten kontinuierlich aufzeichnenden Messstation auf Hawaii zum ersten Mal eine Konzentration der Klimagase in der Atmosphäre von 400 parts per million (ppm) gemessen. Das war der höchste Wert, seitdem aufgezeichnet wird. Fahren wir fort, klimaschädliche Gase in solch großer Menge in die Atmosphäre zu leiten wie bisher, wird sich die globale Mitteltemperatur bis zum Jahr 2100 um 3,7°C bis 4,8°C erhöhen. Der Klimawandel wäre damit nicht mehr beherrschbar, Dürren, Überschwemmungen, Wirbelstürme und andere katastrophale Wetterereignisse würden in einem bisher nicht gekannten Maße zunehmen. Sämtliche Regionen der Erde wären davon betroffen und es wäre kaum mehr möglich, die Menschheit mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser in ausreichendem Maße zu versorgen.

Stickstoff ist eines der wichtigsten Elemente für alles Lebende auf der Erde. Als Grundbaustein für Eiweiße spielt es in der Produktion von Nahrungsmitteln eine außerordentlich große Rolle. Die Luft besteht zu vier Fünfteln aus Stickstoff, doch in dieser Form ist er für den Großteil der Lebewesen nicht zu gebrauchen. Er muss über natürliche oder synthetische Prozesse umgewandelt werden, damit er für das Pflanzenwachstum zur Verfügung steht.

Heute wird mehr Stickstoff durch den Menschen umgewandelt, als es alle natürlichen Prozesse vermögen würden. Auf verschiedenen Wegen gelangt zu viel davon in die Böden und Gewässer. Vor allem die Überdüngung in der Landwirtschaft ist dafür verantwortlich, aber auch unbehandelte Abwässer oder das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas spielen eine entscheidende Rolle dabei. Ökosysteme werden durch den Eintrag von großen Mengen Stickstoff überdüngt und geschädigt, die menschliche Gesundheit wird beeinträchtigt und in der Form von Lachgas wirkt er 200-mal klimaschädigender als Kohlendioxid. Wir beeinflussen das direkt über die Höhe unseres Fleischkonsums oder über den Spritverbrauch unserer Autos.

Was kann der Einzelne tun, um unsere Lebensgrundlagen zu sichern? Als Verbraucher können wir nur relativ wenig beeinflussen. Der WWF gibt an, dass wir als Endverbraucher nur etwa 40 Prozent unseres persönlichen Ökologischen Fußabdrucks beeinflussen können. Über 60 Prozent seien abhängig von wirtschaftlichen Strukturen, von langlebigen Kapitalanlagen wie Kraftwerken, Übertragungsnetzen oder Gebäuden. Um die notwendigen Veränderungen einzuleiten, bedürfe es klarer und langfristiger politischer Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Gesellschaft.

Die politischen Forderungen des WWF rufen durchaus Widerspruch hervor und haben sich seit Jahren kaum geändert. Sie zeigen zum Teil, dass der WWF die von ihm aufgeführten Probleme nicht als Resultat der kapitalistischen Wirtschaftsweise betrachtet und so stellt sich die eine oder andere Forderung als illusorisch heraus.

Dem Kapitalismus wohnt der Zwang zum wirtschaftlichen Wachstum inne und mit diesem geht ein gesteigerter Ressourcenverbrauch einher. Konkurrenzdruck und Profitstreben zwingen die Unternehmen, schädliche Folgen ihres Wirtschaftens auszulagern und auf die Allgemeinheit abzuwälzen, Vorschriften des Umweltschutzes zu umgehen oder auch die Produktion in Länder zu verlagern, in denen es nur geringe Umweltstandards gibt. Dass Unternehmen so handeln, ist dem WWF durchaus bewusst, doch macht er ein moralisches Problem daraus. Er appelliert an die Unternehmen, anders zu wirtschaften und verweist auf die Macht des ethisch kaufenden Endkunden – eine begrenzte Macht, wie der WWF selbst schreibt. In der kommunikativ vernetzten Welt von heute sei die Reputation eines Unternehmens auch dann gefährdet, wenn es die Produktion in andere Teile der Welt verlagere. Steigende Nachhaltigkeitsanforderungen von Konsumenten würden die Wirtschaft überall auf der Erde einholen. Deshalb sollten Unternehmen darauf achten, dass sie entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette nachhaltiger wirtschaften. Es ist ein schöner Wunsch und es wird sicherlich nicht einfach, ihn mit der kapitalistischen Wirklichkeit in Einklang zu bringen.

Eine andere Forderung richtet sich direkt an die Bundesrepublik Deutschland und an die EU: Es sollen Anreize für die Wirtschaft geschaffen werden, damit sie ihre Emissionen von Kohlendioxid senkt. Dazu soll der Handel mit Emissionszertifikaten wieder belebt werden. Mit dem Emissionshandel wurde ein künstlicher Markt für Zertifikate geschaffen, dem u.a. das Ideal vom immer währenden Wirtschaftswachstum zugrunde lag. Dass dieses mit dem Kapitalismus nicht vereinbar ist, der naturgemäß Krisen produziert, wurde außer Acht gelassen. Als dann aber die Wirtschaftskrise über Europa hereinbrach, war der Emissionshandel bis 2020 fest geregelt. Dabei war nicht vorgesehen, dass die Menge der kostenlosen Zertifikate, die an Unternehmen verteilt und in Umlauf gebracht wurden, an neue Entwicklungen angepasst werden kann. Das Ergebnis ist bekannt: Bis 2020 werden viel zu viele Zertifikate auf dem Markt sein und der Emissionshandel wird zumindest bis dahin keine steuernde Funktion übernehmen.

Es gäbe andere Forderungen, die auf eine andere Produktionsweise zielen, die aber nicht vom WWF aufgestellt werden. Der Kapitalismus kann in gesättigten Märkten wie dem deutschen seinen Wachstumszwang nur realisieren, wenn die Lebensdauer von Produkten immer weiter begrenzt wird oder wenn den Menschen in aufwendigen PR-Kampagnen suggeriert wird, sie müssten neue Dinge kaufen, auch wenn die alten noch nicht veraltet und immer noch funktionstüchtig sind. So manche kapitalismuskritische Bewegung hat in den letzten Jahren Forderungen aufgestellt, die an diesem Punkt ansetzen. Wenn Produkte z.B. länger halten, müsste die Produktion nicht stetig wachsen und Ressourcen verschwenden. Es wäre durchaus nicht schwer, dies umzusetzen: Die Garantiezeiten müssten nur verlängert werden.

Solche Ansätze findet man beim WWF leider vergeblich, da er wie die meisten Umweltorganisationen nicht antikapitalistisch argumentiert.

Zuerst veröffentlicht in: Unsere Zeit, 42/2014

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