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Ein Cottbuser Botaniker auf Kuba

Die Tochter meines Mannes suchte ein Buch über die Botanik Kubas, das sie der Reiseleiterin, die sie während ihrer Kubareise 2014 betreut hatte, schicken wollte: „Johannes Bisse. Ein deutscher Botaniker in Kuba“. Sie übergab es mir mit den Worten: „Lies mal erst, bevor ich es wegschicke, es handelt von einem Cottbuser.“

Der Zufall spielte mir also das bereits 2001 verlegte Buch der Autorin Edda Käding über einen Mann in die Hände, dessen Namen selbst alteingesessene Cottbuser kaum kennen werden und an den sich vermutlich nur wenige Leute erinnern: Johannes Bisse.

Edda Käding, studierte Romanistin, arbeitete bis 1991 bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN und war zwischen 1968 und 1971 Wort- und Bildreporterin im Büro Havanna.

Ich wusste nicht was mich erwartet und war erstaunt. Ich bekam keine Biographie, kein Fachbuch für Biologen oder Botaniker zu lesen, sondern die Dokumentation des Lebens und der Arbeit von Johannes Bisse. Das Buch, das ich las, dürfte nicht nur für Freunde Kubas oder der Botanik von Interesse sein.

Die Autorin zeichnet anschaulich das Bild eines Mannes, der von sich selbst sagte, dass er sein Wissen und seine Entwicklung der DDR verdankte. Dazu hat sie die biografischen Daten des DDR-Wissenschaftlers sorgfältig recherchiert, was nicht ganz einfach war, und sich dabei Erinnerungen von Zeitzeugen bedient. Ihre Darstellung stellt das kurze und intensive Leben eines Mannes dar, der sich der Biologie, besonders der Botanik ver-schrieben hatte und dem nicht nur die kubanischen Botaniker viel zu verdanken haben.

Geboren am 30. Oktober 1935 in Cottbus als einziges Kind einer Arbeiterfamilie, beschreibt sie anschaulich seine soziale und politische Herkunft. Der Vater, in Verbindung zur Kommunistischen Partei Deutschlands stehend, verstarb nach Deportation und Internierung unter KZ-ähnlichen Bedingungen im April 1945 in einem Lager. Die Mutter, selbst Arbeiterin vom Lande, musste nach dem frühen Tod des Mannes die Familie ernähren. Sie war 1945 der KPD beigetreten und nach der Vereinigung von KPD und SPD Mitglied der SED geworden. Großen Einfluss schreibt die Autorin der Großmutter Kruß zu, die den Jungen quasi aufzog, leider aber früh starb. Sie hatte lange Jahre als Weberin gearbeitet und war aktive Funktionärin des Textilarbeiterinnen-Verbandes in der Lausitz. Sie war es auch, die ihrem Enkel die ersten Kenntnisse von den Pflanzen und deren heilsamer Wirkung vermittelte.

Bisses Elternhaus stand in der Branitzer Siedlung, so dass er in unmittelbarer Nähe zum Branitzer Park aufwuchs, dessen Schöpfer, Hermann Fürst von Pückler-Muskau, ein Lebe-mann, Reiseschriftsteller und Landschaftsarchitekt, genau auf den Tag 150 Jahre vor Bisse das Licht der Welt erblickt hatte.

Beschrieben und mit Berichten ehemaliger Mitschüler und Lehrer untersetzt wird seine Schulzeit seit 1942 in Sandow im schönen Backsteinbau, der noch heute Schule ist. Bisse beschreibt sich später selbst als still und zurückhaltend, aber leicht lernend mit einer großen Vorliebe für die Biologie. Er las und beobachtete viel und hatte die Gabe, Erlesenes und Erlerntes in anschaulichen Bildern wiederzugeben. Er war nicht nur von der Größe her überragend, sondern auch durch seine Intelligenz. Seine Liebe galt der Botanik; im heimischen Garten experimentierte er.

Zeitig spürte er den Widerspruch zwischen religiöser Weltanschauung und naturwissen-schaftlichen Erkenntnissen. Erste Antworten auf die ihn bewegenden Fragen fand er in der marxistischen Literatur. Seit 1950 besuchte er die naturwissenschaftliche Oberschule in der Puschkinpromenade, in die er gemeinsam mir seinem lebenslangen Freund, Klaus Schäfer, eigenmächtig von der fremdsprachlichen Oberschule gewechselt war. Eine staatliche Lernhilfe von monatlich 60 Mark ermöglichte ihm überhaupt die Oberschule zu besuchen, und er revanchierte sich mit guten Leistungen beim Lernen und hohem Engagement in der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Seine soziale Herkunft brachte ihn in direkter Linie in die Reihen der SED, deren Mitglied er seit 1954 war.

Nach dem Abitur wollte er Genetiker werden und so studierte er seit 1954 Biologie an der Universität Greifswald. Mit seinem Botanik-Professor, Werner Rothmaler, von dem er sagte, dass er sein bedeutsamster Lehrer gewesen sei, teilte er die Liebe für Orchideen, mit denen sich auch seine erste Publikation beschäftigte. Bisse schloss sein Studium, nach 2½-jähriger krankheitsbedingter Unterbrechung, im Januar 1961 „Mit Auszeichnung“ ab. Im Sommer 1965 promovierte er „cum laude“ zum Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.) und arbeitete von da an als wissenschaftlicher Assistent am Institut für spezielle Botanik der Universität Jena.

Privat finanzierte Reisen hatten ihn seit 1960 nach Polen, Bulgarien, in die Tschecho-slowakei und Ungarn geführt, um die Botanik zu studieren und Herbarien anzulegen. Seit 1963 lernte er zielstrebig Spanisch und wurde 1965 „Kaderreserve“. Da die wissenschaftlich-technische Intelligenz nach der kubanischen Revolution das Land zu Hauf verlassen hatte, bat die Universität Havanna Anfang 1966 um einen Fachmann für Botanik. Im September 1966 pakte Bisse seine Koffer.

Die Autorin rückt Johannes Bisses wissenschaftliche Arbeit ins Blickfeld, der mit Unterbrechungen bis zu seinem frühen Unfalltod 1984 in Kuba lebte. Er schuf auf der Insel nicht nur einen botanischen Garten, er bildete auch 15 Jahrgänge von kubanischen Botanikern aus und hinterließ als „moderner Humboldt“, durch seine wissenschaftlichen Publikationen in deutscher und spanischer Sprache in der Fachwelt bleibende Spuren. Beschrieben wird auch das langwierige Ringen, bis 1974 zwischen der DDR und Kuba ein Vertrag über die Zusammenarbeit bei der Erforschung der Flora Kubas unterzeichnet wurde, dessen Vereinbarungen mit dem Verschwinden der DDR ebenfalls ein jähes Ende fanden.

Das Herbarium des Nationalen Botanischen Gartens in Havanna trägt den Namen Johannes Bisse; zahlreichen Pflanzensippen sind nach ihm benannt. Der 19. Dezember, an dem Johannes Bisse tödlich verunglückte, ist auch das Datum, an dem Alexander von Humboldt im Jahre 1800 erstmals kubanischen Boden betrat.

Am 30. Oktober wäre Johannes Bisse 80 Jahre alt geworden, ein Anlass, sich dieses im positiven Sinne besessenen Wissenschaftlers in gebührender Form zu erinnern.

M.-L. Schulz

Zum Buch:

Edda Käding: Johannes Bisse. Ein deutscher Botaniker in Kuba, Edition Ost, ISBN 3-89793-049-8  

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